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Zeit ist Ewigkeit - Gedanken zur Jahreswende -

Aktualisiert: 26. Feb.



Diese wunderschöne Eisscholle habe ich Anfang Dezember mit meinen Enkeln aus unserer Zinkwanne im Garten gehoben. Sie ist, - nein sie war so wunder, wunderschön!

Es war ein unverfügbares Geschenk, wie so vieles im Leben. Und ich wusste, dass ich nicht lange davon haben werde, denn der Wetterbericht kündigte schon wärmere Temperaturen an. Wie schade... Deshalb habe ich sie im Garten so platziert, dass ich sie vom Küchenfenster aus sehen konnte. Dieser Augenblick, dieser Moment hielt einen Tag lang und war ein Saum der Ewigkeit. Ein unverfügbares Geschenk!

So erlebe ich auch mein Leben mit allem was dazu gehört.


Die Zeit ist Ewigkeit! Nur wir und die Dinge, die diese Zeit ausfüllen, sind vergänglich. Das ist nicht leicht zu begreifen und das wollen wir auch nur ungern verstehen und annehmen. Denn es macht uns Angst. Was wird aus uns, wenn wir nicht mehr sind? Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her? Diese und weitere Fragen beschäftigen uns ein ganzes Leben lang. Das erlebe ich in der Sterbe- und Trauerbegleitung, aber auch in der Geistlichen Begleitung immer wieder. Und am Lebensende werden sie immer aufdringlicher, diese Fragen. Wir hätten gerne eine Antwort. Wie wird es sein, wenn wir gehen? Und wohin werden wir gehen?

Aber wir werden keine endgültige Antwort bekommen. Nur bruchstückhafte Antworten in den kleinen manchmal auch großen Dingen, die sich in unserem Leben ereignen. Und jede*r von uns wird ihre/seine eigene Antwort finden.


Diese Tage habe ich ein Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa gehört. Er sprach über sein Buch Entschleunigung und die damit verbundenen Eigenschaften der Entfremdung, Resonanz und warum wir, trotz immer mehr Zeitgewinn, uns so gehetzt fühlen und den Eindruck haben, dass wir immer weniger Zeit haben. Darüber, das unser Leben so schnelllebig geworden ist und wir uns immer wie"auf dem Weg zum Flughafen befinden." Damit meinte er, wenn ich das Flugzeug noch bekommen möchte, muss ich mich beeilen und schaue nicht nach rechts und links was sich mir da anbietet.

Und er sprach von der "Gegenwartsschrumpfung". Früher haben wir Briefe geschrieben und dafür mehr Zeit benötigt. Heute schreiben wir emails und haben dadurch Zeit gewonnen. Aber in diese gewonnene Zeit packen wir noch mehr emails hinein, was bedeutet, dass wir in der Hälfte der Zeit " mehr Briefe, also emails," geschrieben haben. Dadurch haben wir noch weniger Zeit. Wir fühlen uns gestresst, weil wir immer mehr leisten und immer mehr gefordert werden. Und das entspricht nicht unserem Wesen. Das entfremdet uns von den Dingen in der Welt, die uns rechts und links Tag-täglich angeboten werden. Wir kommen nicht in Resonanz mit dieser Welt ihrer Schönheit, den Menschen um uns herum, mit allem was uns wirklich lebendig macht und lebendig erhält.


Als ich diese Eisscholle mit meinen Enkeln in der Wanne entdeckt hatte, haben wir uns so sehr darüber gefreut. Wann gibt es bei uns solche Temperaturen, um so etwas Schönes zu entdecken? Und ich habe in mir Resonanz erfahren mit dieser Eisscholle, zusammen mit meinen Enkeln. Ein Moment des Glücks, der Freude, der Lebendigkeit, gepaart mit einer gewissen Traurigkeit, weil ich wusste, das hält nicht lange an...


Ist es nicht auch mit unserem Leben so? Es ist ein Geschenk! Wir wissen nicht wie lange...

Aber wir dürfen diese geschenkte Zeit füllen, erfahren, schmecken, ja auskosten. Wir dürfen uns in diese Zeit hineinfallen lassen - aufgehoben in die Ewigkeit. Das haben Menschen vor uns so erlebt, wir erleben das so, und die Menschen die nach uns kommen werden das auch so erleben. Deshalb bin ich dankbar, wenn ich mich in der Stille und der täglichen Meditation mich mit all diesen Menschen und Dingen verbinden kann. Es hilft mir, mich in diese Vergänglichkeit einzuüben.


Ja ich weiß, genau das ist es ja was uns so schwer fällt. Es bleibt die Ungewissheit, die Angst vor dem was kommt, wenn auch wir gehen...

Heute schauen wir wie durch einen Spiegel, sehen verschwommen und ungenau und denken nur unsicher und ängstlich an unser Lebensende oder der uns anvertrauten Menschen.


Weil ich schon so oft die Erfahrung in der Begleitung von Sterbenden machen durfte, welche Resonanz von Lebendigkeit das in mir hervorruft, glaube ich daran, dass es etwas gibt, was uns auch im Sterben lebendig hält. Dafür finde ich keine Worte - es ist und bleibt eine Erfahrung.

Wir Menschen haben Anteil am Saum dieser Ewigkeit, weil wir ein Teil dieser Natur sind.


Das ist das, was ich am Ende diesen Jahres 2023 für mich als Erfahrung zusammenfassen, und hier gerne teilen möchte. Mich Einüben und Einfügen in das unverfügbare Leben, welches mir jeden Tag neu geschenkt wird.


Das gelingt nicht jeden Tag gleich gut, aber immer wieder neu und immer tiefer!

Ich wünsche allen für das kommende Jahr, das Vertrauen in sich selbst, in die Stille und in die vielen Wunder, die dieses Leben für uns bereit hält und in die vielen unverfügbaren Augenblicke und Lichtmomente dieses Lebens.


Für Interessierte, hier das Interview mit Hartmut Rosa über sein Buch Beschleunigung


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