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Vom Leben gezeichnet - oder was uns das Alter erzählen kann

Aktualisiert: 2. Mai 2023


Gestern Abend waren mein Mann und ich in einem fast drei stündigen Konzert in dem unsere Tochter mitsingt. Es war sehr schön, bunt, fröhlich, traurig, aber auch ermutigend. Der Chorleiter, der sehr motivierend und mitreißend auch das Publikum interaktiv mit einbezog, verstand die Menschen zu begeistern. Alle waren schön angezogen "herausgeputzt" würden manche sagen, geschminkt, hübsche Frisuren...eben alles was zu einem öffentlichen Konzert dazu gehört. Das Alter der Sänger*innen war gemischt und hat mich diesbezüglich an den Chor des Filmes von Kay Pollack "Wie im Himmel" erinnert. Die Freude am Singen an der Musik war bei allen zu spüren.

Dennoch habe ich mich während des ganzen Konzertes gewundert, warum mich diese Musik und alle die daran beteiligt waren mehr an der Oberfläche angesprochen hat? Ich konnte es mir bis zum Schluß nicht erklären. Eben bis zum Schluß, als der Chorleiter diejenigen auf die Bühne gebeten hat, die schon seit über 75 Jahren im Verein sind. Menschen, die auf Grund ihres Alters, gebückt und mit Hilfe anderer auf die Bühne kamen. Mit schwerem Gang und teilweise rundem Rücken, mit Furchen im Gesicht und grauem Haar und die anders als die Sänger*innen vom Chor, auf einem Stuhl Platz nehmen durften. Menschen die das Alter des Lebens gekennzeichnet hat, aber die mit wachen und fröhlichen Augen, manche vielleicht etwas wehmütig, mit Lebenserfahrung in all seinen Facetten, Platz nahmen und mit Unterstützung des Chores etwas aus ihrem Repertoire vorgesungen haben. Sie waren vom Leben gezeichnet, nicht mehr jung und dynamisch, oder gar sportlich. Nein, sie kamen mit gebückten und schwerem Gang die Treppe auf die Bühne herauf. Diese Situation hat mich im innersten so tief angerührt, weil durch sie das Leben "ungeschminkt" gezeigt wurde. Und es genau das war, was mir die ganze Zeit gefehlt hatte. Ungeschminktes Leben! Diese Senioren waren durch ihr Alter, und dem was das Alter mitbringen kann, verletzlich authentisch. Sie haben sich auf der Bühne gezeigt in ihrer ganzen menschlichen Gebrechlichkeit.

Ich weiß nicht welche Erfahrungen sie hinter sich hatten, einen 2. Weltkrieg sicherlich, vielleicht auch schon den 1. Weltkrieg . Aber vielleicht auch so manche Geschichte, die das Leben mit sich bringen kann. Sie standen jetzt auf der Bühne neben den jungen dynamischen Menschen und vervollständigten das Bild des Lebens ungeschminkt. Es rundete das Konzert ab und brachte es zu einer Ganzheit.


Das pralle Leben, mit all seinen Lebenserfahrungen und wie das Leben uns zeichnet, stand auf der Bühne


Das wünsche ich mir auch für mich und für alle in unserer Gesellschaft, dass wir uns zeigen dürfen wie wir sind - ungeschminkt, mit Furchen im Gesicht, von anderen an der Hand geführt, mit krumm gearbeitetem Rücken und genau so, wie uns das Leben gezeichnet hat - oder noch zeichnen wird. Und trotzdem noch auf der Bühne des Lebens teilnehmen dürfen, weil diese Menschen etwas zu sagen haben und uns etwas vorleben, was in unserem Leben Stütze und Halt geben kann.

Wie oft schon habe ich bei kranken oder sterbenden Menschen die Hände gehalten und von ihren Händen gesprochen, die schon so viel im Leben geleistet haben. Hände voller Falten mit dünner Haut, die Adern sind zu sehen, Hände die abgearbeitet sind und müde im Schoß oder auf der Bettdecke liegen. Sie verdienen Respekt und in Würde behandelt zu werden und mehr noch, wir sind eingeladen ihnen zuzuhören, von ihnen zu lernen und in ihrem vom Leben gezeichneten Körper zu erkennen, was wirklich authentisches Leben ist.

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